Ja, dieser Titel ist eigenartig. 
Genau wie das, was zur Zeit so aus den Mündern unserer Kinder rauskommt.
Hierbei muss ich betonen, dass wir stets bemüht sind, unsere eigenen Kraftausdrücke für das stille Örtchen oder andere Situationen, in denen wir ungehört von Kinderöhrchen sind, aufzuheben. Wir bemühen uns zumindest, denn – ihr wisst was ich meine – ganz ungehört ist man mit Kindern ja nie.

Jedenfalls muss es gerade extrem reizvoll sein, jeden Mist mindestens 56x am Tag zu sagen. Da schlackern einen die Ohren und der Blick geht verstohlen erst über die rechte, dann über die linke Schulter, um sich zu vergewissern, dass auch bloß keine Außenstehende das gerade mitbekommen haben. 
Jetzt schreibe ich das einmal (im Auszug!) aus, einfach um es mal loszuwerden – schließlich bin ich auch zartbesaitet.
Okay, bereit? Und los:

Scheiße, Arschloch, Pupskacka (mit Eis!), Spinner, Scheißer, Scheißer-Arschloch, Popoloch (mit Eis!), Scheiß-Mama, Scheiß-Papa, Scheiß-? (hier bitte beliebigen Namen – vorzugsweise den, des kleinen Bruders einfügen), Muschi-Popolala, Pipi-Kacka, Popokacka (mit Milch), Furzbär.

Geschaftt!
Letzteres is schon krass.
Ich meine, das ist schon okay, wenn meine Kids das auch mal sagen. Ich bin jetzt nicht die Sorte Vater, dem dabei die Augen schier aus den Höhlen fallen möchten, – der sich, wie ein tollwütiger Pavian auf die Kinder wirft und erst einmal eine Moralpredigt über die Kultur der deutschen Sprache -und deren zunehmenden Verfall hält. 
Aber wenn mein fast dreijähriger Sohn schon, ganz im Spiel vertieft, eine süße Melodie zum Text „Scheiße-Arschloch“ summt, dann kommt schon auch mal eine genervte Ansage von mir.  Und was antwortet mein Sohn darauf – mich keines Blickes würdigend? „Ja, ja.“
Alle Werner-Fans wissen ja, was „ja, ja“ so bedeutet. Für alle anderen: So ungefähr, „Was laberst du, Alter. Jetzt achte mal auf dein Blutdruck und hör einfach weg, wenn’s zu krass für dich ist“. 
Der Junge hat noch nicht einmal die Wortschatz-Höhle des Kindergartens erobert und bringt bei seiner Eingewöhnung im September schon den Fortgeschrittenen-Status mit.

Muss ich mich jetzt schämen?
Vielleicht. Aber was mach ich stattdessen? Ich wälze das Problem regelmäßig auf meine Tochter ab. Mit Sätzen wie, „Ja, woher hat denn dein Bruder das alles?“ oder „Du bist das Vorbild. Alles, was du sagst redet er nur nach“, mache ich sie dafür verantwortlich.
Jetzt sollte ich mich schämen (tu ich gerade auch still). Aber im Ernst, ich empfinde es manchmal wirklich als eine Art Rückschlag meiner väterlichen Prägung, wenn ich meine zwei großen so miteinander kommunizieren höre. Klar, es gibt viele, viele Momente, in denen viel Zuwendung und Harmonie mitschwingen. Aber auch (für mich gefühlt) viel zu viele Situationen, in denen die Beleidigungen die ach so sehr gewünschte, friedliche Familienatmosphäre vergiften. 

Der Ton ist stärker als der Text

Wo sollte ich nun anfangen, die Ursache des Problems zu ergründen?
Natürlich – zunächst bei mir selbst. 
Ich höre mich schon nicht mehr, den ganzen lieben langen Tag über. Ich sollte mich mal einen Tag lang aufnehmen, um meinen Ton, meinen Kindern oder meiner Frau gegenüber, auszuwerten. Wenn ich nicht so zart besaitet wäre, würde ich das wirklich mal machen und dann sicher schockiert über den Ton meiner Kommunikation sein. Wie oft liegt Genervtheit, Abwertung und Tadel in dem, was ich z. B. meiner sechsjährigen Tochter gegenüber los werde?

„Zieh dich doch jetzt endlich mal an!“
„Wie oft muss ich dir das denn noch sagen?“
„Sieh mal wie dein Platz aussieht. Kannst du nicht mal sauber essen?“

Was anderes kann bei meinem Kind ankommen, als ‚Du bist zu langsam‘, ‚Du bist zu blöd, um mich beim ersten Mal zu verstehen‘ und ‚Du bist unfähig, Dich deines Alters entsprechend zu verhalten‘. Das sind so Sätze die wir Erwachsenen losfeuern, ohne achtsam genug zu sein darüber nachzudenken, welche Botschaft wir unseren kleinen Gegenüber damit vermitteln.
Jesper Juul hat in seinen Büchern Dein kompetentes Kind  und Aggression  darüber geschrieben, welche ich dir an dieser Stelle gern empfehlen möchte.
Aber vermutlich ist das Gesagte gar nicht so wichtig und schlimm für die Kinder, wenn es der Ton und die mitschwingende Energie dahinter kompensieren würde.
Wieder ein Fall für mehr Achtsamkeit!

Die gemeinste Melodie der Welt

Doch auch wenn ich mal reflektiert genug bin, eher bei mir die Wurzeln dieses verbalen Fiaskos zu ergründen, finde ich sie doch nicht immer.
Besonders eine Melodie schafft es gerade regelmäßig in die Top 3 der Dinge, die mein linkes Auge in ein leichtes spastisches Zucken versetzen. Sie zählt gewiss auch zu den gemeinsten Melodien der Welt und begleitet mich meine Tage mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit. Jedoch muss sie auch unheimlich elementar für alle Kinder sein, denn jedes scheint sie (immer früher) zu lernen, ohne dass sie sie irgendjemand mal mit ihnen einstudiert hat.
Vielleicht kennt ihr sie ja.
Man kann sie nicht beschreiben, deswegen singe ich sie euch einfach mal vor:



Jetzt kann auch das letzte Kind mitreden und zusammen mit seinen Eltern in den Chor der Überlegenen einstimmen. 
Der Text lautet übrigens bei beiden Varianten: „Bäh bäh bäh bäh bäh“
Die Bedeutung ist ziemlich klar: Das, was du machst ist doof, ich bin besser und – na los! – versuch mich doch davon abzubringen, dich lächerlich zu machen.Meine zwei großen scheinen diese Melodie wirklich zu lieben und führen sie bei jeder Uhrzeit und Gelegenheit vor. Sie hat auch irgendwie etwas magisches an sich, denn sofort ändert sich die Stimmung ins Gegenteil. Faszinierend!

Man gewöhnt sich daran, wie an die sich ständig wiederholenden „Abwechslung“ auf Antenne Bayern. Macht auch richtig Spaß, mal zusammen zuhause zu singen. Probiert’s doch einfach auch mal aus.
 


Natürlich bin ich schon etwas schockiert darüber, wie schnell die allgegenwärtige Erwachsenen-Mentalität auf die Kinder abfärbt. Die ganze Welt scheint darum bemüht, immer besser, als der Nebenmann dazustehen. Wir lachen über das Elend sogenannten 3. Welt, auch wenn wir viel vorgespielten Aktionismus zur Bekämpfung der Armut und Ungerechtigkeit öffentlich zeigen. Wir fühlen uns besser, wenn wir schneller, reicher, schöner als alle anderen sind. Wir fühlen uns zugehörig, wenn wir mit Anderen, andere von oben herab behandeln können. Wir fühlen uns so sehr im Recht und gerecht, wenn wir über die Terroristen und Islamisten schimpfen.
Mit Wir  meine ich die arrogante Gesellschaft – und vor allem deren führende Entscheidungsträger – der Industrienationen. 


Ein Glück gibt es aber auch viele Menschen, die sich für eine andere, liebevolle und achtsame Haltung gegenüber ihre Mitmenschen entschieden haben.
Und weil es unter sich liebenden Menschen auch mal Scheppern darf – gerade unter Geschwistern – schalte ich meine Ohren zur Zeit 12 Stunden am Tag auf Durchzug und lieber Antenne Bayern an. Wegen der Abwechslung, versteht ihr?

 

Lucas

 

 

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