Meine Tochter ist jetzt sechs Jahre alt.
Gefühle der Sehnsucht nach meiner kleinen Baby-Tochter mischen sich mit der Gewissheit, dass die wichtigsten Jahre, die ersten fünf bis sechs Jahre, in der die Grundlage, die Basis ihres ganzen Lebens gelegt wird, nun verstrichen sind. Die Chance, ihr das Beste vom Besten mit auf dem Weg zu geben, ist nun vorbei. So schnell.

Und? Habe ich es geschafft?
Ist sie der Mensch, den ich mir vor 6 Jahren ausgemalt habe, wenn sie mal 6 Jahre alt ist? Bin ich es anders, besser, achtsamer und weiser angegangen, als andere Väter – als mein eigener Vater?

Die Antwort lautet für alle Fragen: Nein!


Als ich durch meine Tochter das erste Mal Vater geworden bin, begleiteten mich selbstverständlich auch Ängste, dem allem nicht gewachsen zu sein. 
Ein wichtiger Satz eines damals befreundeten Vaters lautete sinngemäß: 
Du bist dem auch nicht gewachsen, sondern wächst mit alledem mit.
Das beruhigte mich. Natürlich wusste ich schon zu diesem Zeitpunkt, dass es keine perfekten Eltern gibt, dass Fehler geschehen und auch nicht schlimm sind, solange meine Liebe gegenüber meinem Kind ehrlich, authentisch und bedingungslos ist. 
Schön und gut. Dann ist das doch alles eigentlich gar nicht so schwer, oder?
Natürlich liebe ich mein eigenes Kind – zumindest ist das für mich eine Natürlichkeit, die ich allen Kindern dieser Welt wünsche. Doch warum gibt es so viele einsame, belastete Kinder, die ihre eigene Elternschaft bloß besser, als die ihrer eigenen Eltern angehen möchten?
Warum habe ich das Gefühl, es hätte besser machen zu können, meiner Tochter hätte mehr geben zu können?

Meiner Erfahrung nach liegt das Problem mit der gelungenen Elternschaft oder positiven Prägung der Kinder nicht vordergründig in der fehlenden Liebe der Eltern zu ihrem Kind.
Diese Liebe ist da.
Sie war und ist auch bei mir da, und half mir, mein Leben und meine Ansichten für das beste Wohl meines Kindes umzustrukturieren und neu auszurichten. 
Ich habe alles gegeben: Liebe, Liebe, Liebe.
Alles für meine Tochter, meine eigenen Bedürfnisse eher hintenanstellend. 
Auch war ich mir sicher, dass damit ja wohl kaum etwas „schief gehen“ könne.
Und es ist nichts in diesem Sinne schief gegangen, weil – so glaube ich – ja alles seinen Sinn und seine Richtigkeit hat. Jede Krise, jede Erfahrung, jeder Umweg zur Erkenntnis. 
Bei meiner Tochter ist erst recht nichts schief, sondern sie ist wunderbar, so wie sie ist.
Doch fällt uns bei ihr auf, dass sie es teilweise wirklich schwer hat, zu sich selbst zu stehen, ihre eigenen Grenzen aufzuzeigen und selbstsicher aufzutreten. 
Selbstverständlich müssen wir uns das zum Teil unserer Führung zuschreiben. 

Moment! Wir wollten doch alles richtig machen! Wir wollten unser Tochter doch auf dem Weg zu einer selbstbewussten und offenen Persönlichkeit begleiten.
Jedoch – und das können vermutlich alle Eltern mit mehreren Kindern bestätigen – ist man beim zweiten und erst recht beim dritten Kind viel klüger.
Und diese „Klugheit“ möchte ich nun allen werdenden und seienden Eltern, und auch allen anderen Menschen zur Verfügung stellen.


Erkenntnisse eines Vaters

– A – 

Wenn das Problem also nicht an der fehlenden Liebe der Eltern zu ihrem Kind liegt, muss es irgendwo anders gesucht werden.
Ich glaube, dass es eher an der fehlenden Liebe zu sich selbst liegt. Viele Wissen um ihre „Probleme“ oder Baustellen, um ihre ungeklärten Konflikte oder ungelösten Traumata, ihre inneren Ängste und diesen ganzen Müll. Doch wenige sehen die Notwendigkeit, diese Dinge auch anzugehen. Sind es sich selbst nicht wert genug, sich davon frei zu machen.
Doch wenn du in Begriff stehst, Vater oder Mutter zu werden, lass mich dir bitte einen Rat geben:
Die beste Erziehung, die beste Prägung und die größte Hilfe, die du deinem Kind oder deinen Kindern auf dem Weg zu sich selbst bieten kannst, beginnt mit der
Entrümpelung deines Lebensraumes.

Was das jetzt heißen soll?
Jeder Mensch ist zu Beginn seines Lebens Herr eines eigenen Lebensraumes. Wir haben im Schnitt 9 Monate Zeit zu tun und zu lassen, was wir wollen. Keiner bestimmt, wann wir zu essen haben, wann wir zu schlafen haben, wie wir zu liegen haben oder wem wir wann berühren sollen. Es kommt keiner an uns heran, wir sind natürlich abgegrenzt von der Außenwelt.

Vielmehr sollte es so sein! 

Mit zunehmenden Bauchumfang und Schwangerschaftstagen schleicht sich die Fremdbestimmung hinterlistig in die perfekt abgestimmte Entwicklung des Lebens.
Unser Lebensraum wird durchleuchtet, und somit auch wir. Wir werden beurteilt, vermessen und bewertet. Die Welt wagt es sich nicht, unser Heranwachsen einfach staunend zu beobachten, sondern sie beisst sich nervös auf die Unterlippe, in der Hoffnung, dass bloß alles gut gehen wird. 
Gut heißt: Groß genug, aber nicht zu groß; alles funktionstätig, also auf ein 90-jähriges Leben ohne fremde Unterstützung angewiesen zu sein ausgerichtet; und möglichst punktgenaues Entbinden.
Dabei bin ich der Überzeugung, dass jedes entstehende Menschenleben ein Lehrmeister (oder Lehrmeisterin…ihr wisst schon…) sein kann, wenn man nur bereit wäre sich still auf seinen Platz zu setzen, um zu lauschen und zu lernen. 

Nun, sind wir (als heranwachsendes Wesen) dann bereit unseren Lebensraum zu erweitern, ihn mit der Außenwelt zu teilen, werden wir vor die Tatsache gestellt, dass nicht wir die Lehrer sind, sondern unfähige, kleine Nichtskönner. Wir müssen alles lernen, von der Ernährung über die motorische Entwicklung bis hin zum Schlafen. „Jedes Kind kann schlafen lernen“, heißt es dann. Aber Moment mal, haben wir das nicht bereits Monate vorher getan? Und von ganz allein? Wir werden auf Fehler erforscht und uns werden vorsorglich Millionen von Keime und Gifte injiziert,  mit 3 oder 6 Monaten, damit wir auch bloß gesund bleiben (aber das ist ein anderes Thema).

So.
Nehmen wir diesen Begriff Lebensraum und übertragen wir ihn auf unser Leben an sich, auf unsere innere Perfektion (von der ich glaube, dass sie jedes Kind in sich trägt) und auf unsere ungeschriebene Zukunft.
Unser Lebensraum wird also schon vor unserem körperlichen Erscheinen fremdbestimmt und zugemüllt. Mit Erwartungen in unsere Zukunft, mit (eventuell) schmerzhaften Erinnerungen der eigenen Eltern an ihre Kindheit; mit Rollenmustern, die es zu erfüllen gilt, um in der Gesellschaft zu bestehen; und mit Themen unserer Familie, die einfach vor unserem Erscheinen niemals endgültig bearbeitet wurden.
Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat man seinen Raum sozusagen bereits in einer bestimmten Farbe gestrichen (er ist eingefärbt), möbliert und mit Dingen ausgestattet, von denen man sich sicher ist, dass diese für eine erfolgreiche Entwicklung unbedingt notwendig sind. Und mit jedem Jahr, mit jeder Erfahrung, mit jeder Fremdbestimmung (Kindergarten, Kirche, Schule, Job) wird unser Lebensraum voller und voller und voller.

Und irgendwann stehst du dann vielleicht selbst vor der Aufgabe, Vater oder Mutter zu werden. 
Was für eine Chance, Dinge anders anzugehen, als sie bei dir angegangen wurden sind!
Was für eine Chance, Dinge richtig zu machen (falls etwas bei deiner Prägung vernachlässigt wurde). Wie das Fazit meiner Vaterschaft nach den ersten 6 Jahren aussieht, konntest du ja schon lesen.
Was ist nun der Knackpunkt?
Ich habe einfach versäumt, mein Lebensraum zu entrümpeln, bevor eine weitere Person dort hingeboren wurde. Da helfen keine Erziehungsratgeber, keine Vater-Foren oder Facebook-Weisheiten. Ich habe mein eigenes Kind gar nicht sehen können, weil es im Gerümpel meiner eigenen Lebensthemen feststeckte.
Dass Kinder wie ein Spiegel unserer selbst sind, brauch ich ja kaum mehr zu erwähnen. Ja, und wenn der Spiegel halt nur vor Bergen von unerledigten Dingen steht, brauchen wir uns nicht wundern, weshalb wir unser Kind während unserer Prägung, Erziehung (ich mag dieses Wort sehr ungern) oder in unserer Rolle als Mutter oder Vater hier und da übersehen haben. 
Unser Kind hatte leider nicht die Chance, ohne Baustellen vor dem Fenster seines Lebensraumes aufzuwachsen. Es war umgeben von Baustellen.  Unseren Baustellen. Und – ob du es willst oder nicht – dein Kind wird sich um deine Baustellen kümmern, dich immer wieder darauf aufmerksam machen, ja, sie als seine eigenen Baustellen ansehen.

Mein Kind musste viel zu lange meine eigenen Lasten tragen, weil ich zu faul oder zu ängstlich oder zu bequem war, diese selbst abzubauen. Meine Tochter hat einiges auf sich nehmen müssen, um mich wach zu rütteln. Und ich habe sie viel zu oft ungerecht behandelt, weil ich nicht erkennen wollte, dass sie lediglich meine eigenen Schwachpunkte spiegelt. Ich habe teilweise genau die gleichen ungünstigen Herangehensweisen gegenüber meinem Kind gelebt, die ich bei meiner eigenen Prägung kritisieren würde und von denen ich behauptet habe, sie niemals bei meinen eigenen Kindern zu zeigen.
Das ist eine harte Erkenntnis! 

Das kannst du vermeiden, indem du es klüger angehst.

Nimm Deine Themen ernst! Entdecke sie, falls du sie noch nicht wirklich erkennen kannst. Jeder hat solche Themen! Heile die Wunden und beende die Baustellen.
Schmeiß den ganzen Scheiß aus deinem Lebensraum, und dem deines Kindes. Gib ihm damit die Möglichkeit, seine Perfektion, seine ungeschriebene Zukunft frei und heilsam ausleben -und entdecken zu können. Schenk dir selbst damit eine ungetrübte Sicht auf dein Kind. Dein Kind ist wie eine unvergleichbare Reise, bei der du mehr über dich und deine Welt lernen kannst, als in den gesamten Jahrzehnten vor dem Ankommen deines Nachwuchses. 

Wichtig: Du bist nicht allein!
Du musst das alles nicht alleine bewältigen. Hol dir Unterstützung!
Das was du dafür benötigst ist der Mut, das Vertrauen und die Liebe, dir selbst und deinem Kind diese innere Freiheit zuzugestehen. 
Es gibt mittlerweile eine Riesenauswahl an heilsamen Methoden und deren Ausübenden. 
Wenn du jetzt sagst, dass ein Kind an sich schon Arbeit genug ist, kann ich dir sagen, es gibt natürlich die Möglichkeit, deine Themen erst später anzugehen.
Aber wenn du deinem Kind die Möglichkeit geben möchtest, seine ersten – und essentiellsten – fünf Jahre frei und gesund ausgerichtet Leben zu können, und wenn du dir eine authentische und unbelastete Beziehung zu deinem Kind wünschst, dann gehe es gleich und konsequent an. Sei bereit, dafür zu investieren. Kraft, Geld und Zeit. 
Die Belohnung ist Freiheit. Für alle.

– B – 

Weshalb meine Tochter nicht die Person ist, von der ich dachte, dass sie es sein würde, wenn sie mal 6 Jahre alt ist, liegt ganz einfach darin begründet, dass sie ein einzigartiger Mensch ist. Ein Mensch, den ich mir vor 6 Jahren hätte niemals ausdenken -und dessen Entwicklung ich hätte niemals planen können.
Sie trägt die Besonderheit der Hochsensibilität in sich. 
Wir benötigten etwas Zeit, um dies wirklich erkennen und anerkennen zu können. Hochsensible Menschen benötigen eine besondere Auffassungsgabe und bringen eigene Strategien mit, mit den auf sie einströmenden Informationen umzugehen. Sie sind auf eine wohlwollende und verständnisvolle Umwelt angewiesen, welche ihren besonderen Bedürfnissen gerecht werden möchte. So hat auch unsere Tochter ihre Bedürfnisse, ihre Ängste, ihre Stärken und ihren Charakter. Die Loewen Familie schreibt sehr ausführlich über Hochsensibilität – schau mal auf ihre Homepage, kann ich nur empfehlen!
Ich habe meine Tochter in vielen Situationen ungerecht und einfach falsch behandelt, weil ich mir einbildete, sie in eine bestimmte Richtung führen -und formen zu müssen. Ich missachtete dadurch oft ihre persönlichen Grenzen unter dem Deckmantel (m)einer Erziehung. 
Warum freuen wir uns nicht darüber, jene eigene Charakterzüge unsere Kinder  und somit sie selbst immer mehr kennenzulernen, anstatt sie in eine gesellschaftskonforme Form pressen zu wollen?
Gott sei dank entscheiden sich jedoch die meisten Eltern mittlerweile dafür , ihre Kinder nicht nach ihren Vorstellungen zu verformen, zu indoktrinieren oder sie gar zunächst zu brechen, sollten sie sich nicht unseren Wünschen entsprechend entwickeln. Aber es sind auch noch viel zu wenige.

Also: Bevor du planst, wie dein Kind sein soll, wenn es mal 5, 10 oder 18 Jahre alt ist, sei einfach bereit, es bedingungslos anzunehmen und kennenzulernen. Jede zu frühe Erwartung oder Wunschvorstellung löst bei dir und deinem Kind nur unnötigen Druck aus und lässt dich das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren.

Wie nochmal?

Bevor wir einen Menschen positiv beeinflussen oder prägen wollen, befreien wir uns selbst von allem Negativen bzw. uns in unserer Freiheit hemmenden Dingen. 
Das dient nicht nur deinem Schützling, sondern auch dir.
Entrümpele deinen Lebensraum und schaffe Platz für Heilung. Platz für Dich und Dein Kind.

Bevor wir uns eine Vorstellung davon machen, wie unser Kind mal sein soll, sind wir offen und gespannt, wie und wer unser Kind tatsächlich ist, welche einzigartige Persönlichkeit es mit sich bringt. Begleite dein Kind auf der Entdeckungsreise zu sich selbst. 
Freue dich darauf, die Einzigartigkeit deines Kindes entdecken und kennenlernen zu dürfen. 

Damit kann man jederzeit beginnen, auch wenn die Kinder selbst schon Kinder haben.
Das Ziel ist letztendlich ein freies oder freieres Leben für alle.
Mit Mut, Vertrauen und Liebe.


 

Was sagst du dazu?
Stimmst du mir zu oder sehe ich das falsch?
Ich freue mich über dein Kommentar!

 

Lucas

4 thoughts on “Wenn das Kind sechs wird – Erkenntnisse eines Vaters.”

  1. Ich hab deiner und den Nasenspitzen eurer Kinder angesehen, dass ihr diese Liebe in euch tragt! Beste Entscheidung dem Impuls zu folgen euch auf dem Spieli anzusprechen! Jippie! Ich freu mich auf mehr!!
    Hanna

    1. Liebe Hanna,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Das ist wirklich eine wundervolle Sache, dass du mich nach 5 Minuten „gemeinsamen“ Spielens auf dem Spielplatz angesprochen hast. Ich freue mich ebenfalls auf ein länger-als-5-Minuten-dauerndes Treffen 😉
      Lieben Gruß
      Lucas

  2. Ein sehr berührender Text, der Denkanstöße gibt. Ich habe auch alte Probleme wieder auffassen müssen, meine eigene Vergangenheit hat mich mit unschlagbarer Härte eingeholt, als mein Kind etwa 5 Jahre alt war. Ich habe viel entrümpelt, aber es ist noch nicht perfekt. Wer macht schon alles richtig? Ich habe in wenigen Monaten die Chance, es beim zweiten Kind „besser“ zu machen. Aber wird mir das gelingen?
    Lucas, Du schreibst so tolle Beiträge!
    Alles Liebe für euch.
    Viele Grüße aus Berlin von Nina

    1. Liebe Nina,
      vielen Dank für Dein Kommentar! Ich wünsche dir alles, alles Gute für deine bevorstehende zweite Mutterschaft (obwohl diese ja bereits schon monatelang läuft 😉 )! Mit dem Gelingen ist es ja so eine Sache. Ich bin mir sicher, dass alle deine Mühen nicht umsonst sind und du deinem Kind(ern) das beste gibst, das du geben kannst!
      Danke auch für diesen Motivationsschub, weiter zu schreiben.
      Beste Grüße zurück nach Berlin!

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