Einmal nicht direkt mit Menschen arbeiten, also mal nicht im sozialen Bereich.
Nur meinen Schreibtisch, meinen Stuhl und meinen Bildschirm vor mir. Dann, einfach die Aufgaben abarbeiten, die so anfallen; und das jeden Tag, ohne viel Stress.
Und wenn es dann noch um Outdoor-Produkte geht, kann es doch nichts besseres geben!

So dachte ich, als ich im Dezember 2016 für die Stelle als Büroassistenz vorsprach.
Ich stellte mich als kommunikativen, kreativen und qualitätsorientierten Menschen vor. Ich fragte und erzählte viel und konnte mein Glück kaum fassen, wieder ohne viel Aufwand einen Traumjob gefunden zu haben. Geregelte Arbeitszeiten, relativ gute Bezahlung, nette junge Kolleginnen und Kollegen und ein junges und aufstrebendes Unternehmen.
Doch irgendwas lag in der Luft, das ich zwar sofort wahrnahm, jedoch nicht ganz fassen und erklären konnte. Egal – erstmal ignorieren.

Ich fing an, machte einige Anfängerfehler, versuchte Ideenreichtum und Gestaltungswillen zu zeigen und nahm mir vor allem fest vor, ich selbst zu sein.
Meine direkten Kolleginnen und Kollegen – das möchte ich hier wirklich betonen – haben sich alle Mühe gegeben, mich zu integrieren, waren geduldig und entgegenkommend.
Doch dieser komische Beigeschmack in der Unternehmensatmosphäre blieb und wurde immer präsenter.


Vier Wochen später.
Von dem kommunikativen, interessierten und teamorientierten Menschen, den ich bei der Bewerbung noch dargestellt habe, ist nicht viel übrig geblieben. Ich bekomme kaum ein Wort heraus und wenn, dann sehr leise und undeutlich; ich drücke mich vor den Mittagspausen in Gemeinschaft mit meinen Kolleginnen und Kollegen, möchte lieber alleine, irgendwo draußen herumspazieren; ich mache meine Arbeit halbherzig und ganz bestimmt nicht fehlerfrei.
Wenn im Büro irgendein Thema bequatscht wird, ist mir jedes Wort zu viel, jedes Einbringen meinerseits zu lästig; ich blocke ab, strahle Unzufriedenheit und Interesselosigkeit aus und sehne mich jede Minute nach Hause zurück.
Natürlich frage ich mich was los mit mir ist? Was ist mein Problem? Oder was ist das Problem dort im Büro? Bin ich zu anspruchsvoll, zu undankbar oder einfach ein komischer Typ?

Das frage ich mich während der gesamten Arbeitszeit, in den Mittagspausen und auf dem Heimweg. Diese Frage nehme ich mit nach Hause, mit dieser Frage wache ich auf. Über Wochen hinweg.

Das ist zermürbend. Am Abend bin ich völlig kaputt, obwohl ich 8 Stunden nur auf meinen zarten Po saß und wirklich nicht vielen geistigen Herausforderungen begegnet bin.

Heute weiß ich warum:

1.
Dass nicht alles in einer Firma glatt läuft ist normal. Erkennt man dies, kann man diese Erkenntnis nutzen, um daraus eine Verbesserung zu schaffen.
Ein Kollege von mir hatte eine solche Erkenntnis, zum wiederholten Male. Er sprach das Problem an, zum wiederholten Male, doch nach vielen Versuchen etwas Neues anzustoßen, fiel der Satz, „Das versuchen wir bereits seit 4 Jahren anzusprechen. Viel Glück!“. Ein anderer Kollege scherzte, „Die schönste Nation ist die Resignation“, und da war sie, die Antwort auf mein Grübeln und Fragen. Endlich hatte ich einen Begriff für die für mich vorher nicht greifbare Atmosphäre. Resignation.
Als ich das Büro das erste mal betrat sah ich zwar ein Team vor sich hin arbeiten, aber kein Team, das sich als solches identifizieren konnte, an einem Strang zog und Freude empfand, weil jeder sich mit seinen individuellen Fähigkeiten und Ideen einbringen konnte, um das Unternehmen voran zu bringen. Und wenn es doch jemand versuchte stieß er auf einen Wand der Resignation, weil die entscheidende Instanz beinah jegliche Innovation abschmetterte.
Und so schwebte die Unzufriedenheit, resignierter Mitarbeiter ständig im Raum.
Ich möchte betonen, dass meine Kolleginnen und Kollegen ausnahmelos freundlich und sympathisch waren und ihre Arbeit wirklich gut erledigten. Auch war die Stimmung im Büro selten permanent mies. Doch ich spürte, dass die Menschen um mich herum vielfach enttäuscht wurden sein mussten, in dem Versuch ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge anzubringen. Jeder erledigte seine Arbeit von morgens bis abends und darüber hinaus, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass sie dafür eine Wertschätzung oder Gegenleistung von Seiten der Führung erhoffen konnten.

Und so entwickelten sich die Mittagspausen oft zu Lösungs- oder Krisengesprächen, die damit endeten, dass das alles ja sowieso nichts nützt.
Diese Energien färbten mein Verhalten definitiv so stark ein, dass ich mich selbst nicht mehr erkennen konnte und mich regelmäßig selbst verurteilte, weshalb ich mich so eigenartig verhielt. Mir fehlte die Leichtigkeit, die Freude am Schaffen, ein ehrliches Interesse an den Personen in dieser Firma, das über die Arbeit hinaus reichte.
Ich flüchtete, und sobald ich das Gebäude verlies, fühlte ich mich gleich leichter.

2.
Die zweite Komponente hatte maßgeblich mit mir zu tun.
Ich dachte, es wäre mal schön, nicht direkt für und mit Menschen zu arbeiten. Als Krankenpfleger habe ich die letzten 10 Jahre im Gesundheitssektor verbracht und gedacht, es wäre wohltuend, mal nicht der Komplexität einer hilfesuchenden Person mit einem gesundheitlichen Leiden ausgesetzt zu sein. Und ich dachte, wenn ich dann in meinem bequemen Bürostuhl sitze, meine Aufgaben überschaubar abarbeiten kann und keine großen körperlichen Anstrengungen vollbringen muss, dann kann ich auch voll arbeiten (also 40 Stunden/Woche und mehr). Ich wollte diesmal einer Tätigkeit nachgehen, in der ich nicht die Verantwortung für ein Menschenleben tragen muss, was mich in der Häuslichen Kinderkrankenpflege nun mal tagtäglich begleitete.

Gut, dem allem konnte ich durch diese Tätigkeit im Onlinehandel zwar entgehen, aber ich hätte nie gedacht, dass ich dabei eine so große Sinnlosigkeit empfinden würde. Ich habe kennenlernen und lernen dürfen, dass mir eine für mich sinnvoll erscheinende Arbeit durchaus wichtig ist. Und sinnvoll empfinde ich eine Arbeit nur, wenn es nicht nur um monetäre Gewinne geht, sondern Menschen durch meine Arbeit in irgendeiner Weise geholfen wird.
‚Was macht es schon aus, ob oder wann der Kunde nun seine überteuerte Outdoor-Jacke bekommt oder nicht?!‘, so oder so ähnlich ging es in meinem Kopf zu. Dass das natürlich nicht zu Hochleistungen im Handelsbusiness führte, wird jedem einleuchten. Ich erkannte auch die Bedeutungslosigkeit für die Produkten von Seiten der Kunden. Es werden vier Hosen im Wert von 800 € gekauft, um dann 3 davon zurückzusenden, weil ‚falsche Farbe‘, ‚sieht ja gar nicht so aus, wie im Onlineshop‘ oder ‚gefällt mir einfach nicht‘. Ich möchte jetzt nicht anfangen über die globale Erwärmung etc. zu schreiben, aber warum wundern wir uns eigentlich noch, weshalb so
viele LKW auf den Straßen unterwegs sind, wenn heute so kopflos bestellt und gekauft wird?

Ich sehnte mich jede Stunde danach, raus zu gehen, meine Familie sehen -und mit ihr zu leben zu können. Täglich 9 Stunden, 40+ Stunden in der Woche in einem Büro eingepfercht zu sein und den ganzen Tag mit copy&paste zu verbringen, um die Konsumsucht mancher Menschen zu befriedigen, und somit die Tage an sich vorüberziehen zu sehen, hat mich echt frustriert (hier habe ich schon einmal darüber geschrieben: Ein Knecht der Zahlen).
Lana war die ganze Woche mit den drei Kindern auf sich allein gestellt, was sie ebenso fertig machte und sie schon an den Rand ihrer körperlichen und psychischen Ressourcen brachte.

Außerdem bin ich es leid, wegen jedem freien Tag oder Vormittag um Erlaubnis bitten zu müssen. Mit Kindern gibt es ständig Termine, die meistens nicht nach 18 Uhr liegen. Und wegen jedem Pups anfragen zu müssen, hat für mich immer etwas von betteln. Ich möchte einfach niemanden mehr gehören, also niemanden meine Lebenszeit verkaufen und damit die wichtigsten Dinge im Leben verpassen.
Zu einem freien Leben gehört auch die Freiheit, selbst über seine Zeit bestimmen zu dürfen. Ich möchte leben – zusammen mit meiner Familie. Ich möchte meine (Lebens-)Zeit sinnvoll verbringen, in einer Gesellschaft, in der ich sein kann, wer ich bin.
Eine positive, lebensbejahende, sich und andere wertschätzende Gesellschaft.

Und da ich ja in einem vorangegangenen Beitrag über die Beseitigung von Frustquellen schrieb (Investition für „immer gesünder“ – schenk Dir mehr Leben!), beseitigte ich meine eigene Frustquelle.
Diese Entscheidung hatte ihre natürlichen Konsequenzen, die bei manchen Leuten gedankliches (für mich jedoch deutlich erkennbares) Kopfschütteln bewirkte.
Doch nun verbringe ich beinah 24 Stunden mit meiner Familie. Lana und ich können über unsere Zeit und unsere Tagesplanung frei entscheiden. Und wir planen dieses Leben als unser Leben zu manifestieren – unabhängig von öffentlichen oder privaten Unterstützungen. Es liegt noch ein Stück Weg vor uns, aber es fühlt sich wahr und leicht an. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Was ich gelernt habe und gerne weitergeben möchte: 

 

1.
Wenn Du jemanden kennenlernst, der dir irgendwie eigenartig vorkommt, verurteile ihn nicht gleich als „komischen Typen“. Vielleicht ist dieser Mensch eigentlich ganz anders, doch gerade halt nur im völlig falschen Setting. Vielleicht wird dieser Mensch von der auch dich umgebenden Atmosphäre völlig eingefärbt und verändert. Eine Atmosphäre, die du bereits als normal ansiehst und deren Schädlichkeit gar nicht mehr wahrnimmst. Ich war früher sehr schnell, Urteile über andere Menschen zu bilden, aufgrund ihres Aussehens oder ihres Verhaltens. Mittlerweile empfinde ich es als sehr spannend, Menschen unterschiedlicher Façon kennen zu lernen. Du kannst wirklich von jedem Menschen etwas lernen, wenn du dich öffnest und achtsam auf jeden Menschen zugehst und einen Perspektivenwechsel wagst . 

Ich lerne da natürlich auch noch.
Wäre es in meiner ehemaligen Anstellung einmal zu tiefgründigeren Gesprächen gekommen, hätte ich meine Situation vielleicht besser erklären können. Vielleicht hätte ich dafür sensibilisieren können, dass jeder Mensch, durch seine Gefühle, inneren Baustellen und damit einhergehenden Energien sein Umfeld direkt beeinflusst.
Zum Positiven oder tendenziell Negativen.

 

2.
Verurteile dich nicht, wenn du dir selbst mal fremd bist.
Schau lieber, wo du im Moment stehst und wer oder was dich und dein Verhalten gerade beeinflusst. Lerne auf deine Bedürfnisse zu lauschen und diese ernst zu nehmen. 
Vielleicht bist du wie ein Fisch an Land – also im völlig falschen Setting.
Daran ist keiner Schuld, weder du noch andere. Es geht einfach darum, dass jeder Mensch seinen Platz und seine Aufgabe hat. Und wir können uns glücklich schätzen, dass wir einen Körper, eine Seele und einen Geist haben, der/die uns signalisieren kann, wenn wir uns mal verfahren haben sollten. Wenn du bemerkst, dass du dich gerade in einer Gesellschaft aufhältst, die dir nicht gut tut, entscheide für dich und dein Wohlbefinden, anstatt dafür, es anderen recht zu machen und destruktive Energien auszuhalten. 

Du bist zu wertvoll dafür.

 

3.
Frustriert dich deine Arbeit oder irgendetwas in deinem Leben?
Triff Entscheidungen, die diesen Zustand beenden. Zeitnah!
Auch wenn du dadurch Übergangsphasen durchleben musst, die herausfordernd sind. Große Dinge entstanden nie aus einer Komfortzone heraus. Also verlasse deine Komfortzone, um deine Lebenszeit für dich und deine Lieben sinnvoll nutzen zu können. Entdecke dein Potential und finde heraus, wo dein Platz, deine Aufgabe, deine Bestimmung liegt. Dann wirst du dich selbst und dein Umfeld maßgeblich positiv prägen können.
Stell dir mal vor, jeder Mensch wäre genau da, wo er seine individuellen Fähigkeiten einbringen und seinen Interessen nachgehen könnte.
Die Welt wäre eine bessere.


Wir gehen unseren Weg weiter. Manchmal ist er steinig und nicht ganz einsehbar, aber im Grunde fühlt er sich richtig und logisch an. Wir gehen diesen Weg mit Mut, Vertrauen und Liebe und danken allen, die uns dabei unterstützen.

Lucas

 

 

6 thoughts on “Komischer Typ: Ich”

  1. oh man ich kann es kaum erwarten bei euch zu sein und nochmal live und in farbe über diesen und die vielen anderen Beiträge mit euch zu sprechen….in vielen Dingen geht es uns genauso!
    freuen uns sehr auf die gemeinsame zeit 🙂

    1. Vielen Dank, lieber Bruder! Du bist mein Vorbild, denn Du hast eine erstaunliche Ausdauer bewiesen, auf der Suche nach Deinem Traumjob! Also gebe ich es gern zurück: Gratuliere ganz herzlich! 😉

  2. Hallo Lucas, es ist immer wieder schön deine Artikel zu lesen! Du schreibst mir und sicher auch sehr vielen anderen Menschen wif aus den Herzen und ich bin überzeugt davon, dass du das Zeug dafür hast um deine Gedanken in einem Buch zu veröffentlichen! Das würde sicher ein großer Erfolg werden! Ich kann deine Frustration nur zu gut nachvollziehen! Ich wünsche dir das du bald deine Dimension findest, die deine Sehnsucht nach Freiheit und trotz allem gute Lebensqualität erfüllt. Wann immer du Hilfe oder Rat brauchst kannst du auf mich zählen!

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