Am 01.11. kamen wir in diesem beschaulichen Örtchen Durach an, nachdem wir unser Leben vom Berliner Raum ins Allgäu verlagert haben.

Unser bisheriges Leben wartet derweil in einem 15 m² Metallcontainer und wird von Zeit zu Zeit auf noch Brauchbares umgekrempelt.
Die Erinnerungen an ein Leben, ohne Berge, Brezeln und den wundervollen, säuerlichen Güllegeruch in der Luft verblassen zusehends.
Freie Straßen, 10-Minuten-Wege und das wohlige Schnauben der Pferde von Gegenüber wird langsam Gewohnheit.

Und doch ist die Fremde noch immer nicht eine Bekannte.
Wir grüßen uns, wir lächeln uns zu, doch unsere Kinder vertrauen ihr noch nicht so ganz.

Wie bewerten wir heute unsere Entscheidung, alles Vertraute hinter uns zu lassen? Was brachten uns die ersten 4 Wochen bayrisches Wahlheimat-Projekt?

Zunächst einmal: Uns geht es gut!
Wir laufen noch nicht den ganzen Tag in Lederhosen, Kniestrümpfen und Dirndl herum, kennen noch kein einziges Wort der bayrischen Nationalhymne und haben noch keinmal ein Weißwurscht-Frühstück abgehalten.

Integration braucht einfach Zeit, Herr Seehofer!

Von Höhnen und Tiefen

Ich nenne da mal ein herausforderndes Beispiel, welches mir auf meiner Bergtour widerfahren ist:

Ich habe mich am 23.11. auf dem Weg gemacht, um einen wichtigen Akt der Verbrüderung mit allen Allgäuern zu vollziehen. Ich bestieg kurz nach Sonnenaufgang den Grünten – auch „Hüter des Allgäu“ genannt.
Es soll der Erste von vielen Gipfeln sein, die ich hier bis zu meiner verdienten Rente besteigen werde.
Da wir diesen Berg von unserem Stuben (-nicht Wohnzimmer!)-Fenster aus sehen können, und ich den Schneebelag in Gipfelnähe deutlich erkannte, rüstete ich mich am Morgen dieses herrlichen spätsommerlichen Mittwochs mit ungelogen fünf Bekleidungsschichten, zwei Tupperdosen voller Brote und 2 Litern Wasser aus. Ich erwartete unmenschliche, kaum bezwingbare Witterungen auf diesen (immerhin) 1800 Metern.

Nachdem ich 15 Minuten Aufstieg hinter mir hatte, suchte ich mir einen nicht einsehbaren Winkel, um mich meiner langen Unterhose, meinem Schurrwollunterhemd, meiner Daunenjacke und meiner Stricksocken (in meinen Winterstiefeln) zu entledigen. Heimlich späte ich durch das Dickicht, um das locker flockig daherschlendernden Pärchen (beim Abstieg!) zu
beobachten, welche lediglich mit einer Schicht Funktionswäsche – ohne jegliche Verpflegung – ausgestattet waren. Ich schämte mich im Stillen über meine Stadtmensch-Naivität.

Der Aufstieg war einfach einfach. Ich trank soviel Wasser, um es los zu werden und weil mir meine viel zu dicke Wollmütze das Körperwasser aus den Poren trieb.
Auf dem Gipfel angekommen, sah ich sogar hier und da eine Schneeschicht, aber unbezwingbar kann an das sonnige Panorama über das Allgäu und dessen Alpenvorläufer nicht beschreiben. Ich aß, soviel ich konnte, schoss Fotos und kehrte in mich.

Das tat wirklich meiner Seele gut, da oben zu sitzen und mit meinen Freunden, den Bergen, zu sprechen. Ich nutzte diesen Aufstieg, um mal meine Seele aufzuräumen und mich von überflüssigen Ballast zu befreien.

Als mir dann doch kalt wurde machte mich auf dem Weg des Abstiegs.
Die eigentliche Herausforderung, war nicht das Besteigen dieses relativ bequem zu erreichenden Gipfels. Vielmehr versucht ich einen wichtigen Schritt in Richtung Anpassung an mein Umfeld zu tun: Die richtige Grußformel wählen.

Grüß‘ Gott, Hallo, Servus, Morgen, Guten Tag – mehr sind es eigentlich nicht.
Aber was soll ich sagen?
Immer wenn ich jemanden mit Servus grüßte, sagte dieser Hallo.
Wählte ich Hallo, sagte der nächste Grüß‘ Gott.
Wählte ich letzteres, begrüßte man mich mit Guten Tag.

Vielleicht sah man mir irgendwie an, nicht aus der direkten Region zu stammen.

 


Was wir in den letzten Wochen ebenfalls herausfanden ist die Erkenntnis, dass wir, trotz eigenem kleinen Haus, die meiste Zeit auf den 20 m² der Stube zusammenhocken.
Wozu sollten die Kinder auch das ganze Haus nutzen wollen?! Vielleicht, um z. B. mal die Ohren der Eltern zu entlasten? Ach i wo!

Das führte uns zeitweise ebenfalls an gewisse Gipfelpunkte und tiefe Täler heran.
Wir haben in den letzten Wochen viel Beziehungsarbeit leisten -und uns mit unseren eigenen Schwächen und noch offenen Baustellen auseinandersetzen müssen. Da gab es schon tiefe, tränenreiche Täler zu durchqueren.
Wir wachsen aber dadurch auch ein Stück weit – jeder für sich und wir alle näher zusammen.
Wir lernen uns dadurch noch mehr kennen und wissen besser miteinander umzugehen.

Nebenbei gesagt, geben wir uns wirklich viel Mühe, das Ferienhaus samt Inventar pfleglich zu behandeln und nichts kaputt zu machen. Bisher sind auch nur 2 Schalen, 2 Gläser und einpaar Buchseiten zu Bruch gegangen. Bedauern tue ich nur diesen Boden aus hellen und ultraweichen Holz. Jedes zu Boden fallendes Spielzeugauto hinterlässt hier seine eigene kleine Prägung. Ich habe es mittlerweile aufgegeben, zu versuchen die Kinder für die Empfindlichkeit dieses Bauelementes zu sensibilisieren.

Was schon zunehmend nervig ist, sind diese ständigen Provisorien: Hier stehen Umzugskartons mit Sachen von uns drin, weil nicht genügend Möbel da sind, um alles hineinzutun. Dort fehlt wieder irgendetwas, was sich noch im Mietcontainer befindet und dann immer das Wissen im Kopf, das wir ja bald auch wieder ausziehen werden. Doch wie sagte Franz Kafka schon:

Lass doch die Zukunft schlafen, wie sie es verdient. Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt, bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart.

Also gilt es die volle Achtsamkeit in die Gegenwart zu lenken, ins Hier und Jetzt. Denn so betrachtet mangelt uns es gerade an gar nichts. Wir haben ein Haus, Gesundheit, tolle Berge rundherum und berufliche Perspektiven.

Was macht der Alltag?

Lielle ist dabei sich richtig schön in ihrer Montessori-Kita einzugewöhnen. Gott sei Dank kann sie diese schon seit Ende November besuchen. Nach 3 Wochen non-stop Eltern -und Brüderpräsenz tat ihr dieses neue Umfeld merkbar gut.
Morgen findet das erste Kita-Freundinnentreffen außerhalb der Kita statt.
Sie wurde in der Kita auch schon so richtig zünftig geschubst und hat dafür ein Pferdebüchlein als Wiedergutmachung geschenkt bekommen.
Wie würde da der Bayer sagen: Passt!

Lana bringt Lielle zur Zeit immer zur Kita, zusammen mit den Jungs, weil ich von Montag bis Freitag einer Vollzeit-Weiterbildung beiwohne. Da diese das Arbeitsamt zahlt, nutze ich die „freie“ Zeit und werde bis Januar ein DEKRA zertifizierter Referent für Qualitätsmanagement nach ISO 9001:2015.
Klingt doch gut, oder?

Ab dem 03. Januar werde ich bei einem Outdoor-Versandhandel arbeiten, der scheinbar schon stadtbekannt ist. Jedenfalls reagierten schon 2 Personen aus völlig anderen Kreisen auf unsere Neuigkeit, dass ich bald da arbeiten werde mit, „der in der-und-der Straße?“ – dann folgte immer ein nicht ganz zu deutender Blick. Spannend.
Ich jedenfalls freu mich darauf.

Was unser soziales Netz angeht, gibt es auch positive Neuigkeiten.
Wir durften letztens bei einer sehr sympathischen Familie (auch mit 3 Kindern) zum Plätzchenessen vorbeikommen. Lielle und die jüngste Tochter haben sich gleich auf einer Pferde-Wellenlänge getroffen und sind folglich nur noch auf allen vieren durchs Haus galoppiert. Nein – Stopp! – sie waren zwischendurch auch Hunde!
Es ist wirklich ein sehr angenehmes Gefühl, wenn man mit Menschen Zeit verbringen kann, bei denen man sich richtig wohlfühlt. Wir sind sehr dankbar für diese Bekanntschaft, die sogar Potential zu einer Freundschaft hat.

Was sonst?

Der Nikolaus war sogar in unserem Ferienhaus und half unseren Kindern, mal nicht ständig ein Haferbrei oder irgend so ein gesundes Zeuch zum Frühstück vorgesetzt zu bekommen. Vegane Gummibärchen und Smarties standen stattdessen auf der Speisekarte. Danke, lieber Nikolaus!

Bisher waren wir noch nicht einmal rodeln, da der Schnee noch auf sich warten lässt. Aber es ist schon schön knackig kalt, was mich noch stolzer macht, da ich doch jeden Morgen MIT DEM FAHRRAD zur Schule fahre. Ich weiß…manche machen das schon immer so, aber für mich ist das schon ein Fortschritt! 🙂
Die Zeiten der Bequemlichkeit sind vorbei – ich fühle mich wild und jung und frei.

So.
Mein Bilanz, der ersten 5 Wochen hier?
Das Ankommen dauert länger, als ich dachte.
Unsere geliebten Freunde fehlen uns immer mal sehr schmerzlich.
Wir wurden als Familie ziemlich gefordert – aber auch gefördert.
Die Bayern sind sehr nett und bisher auch geduldig.
Butterbrezeln sind sündhaft lecker, genau wie Kässpatzn und Schupfnudeln.
Mein Bier, Allgäuer Büble-Bier!
Wir lernen immer mehr nette Menschen kennen – wir sind sehr dankbar dafür.
Die Luft, die Aussicht, das Licht und die Sterne belohnen uns für den Mut, diesen Schritt gewagt zu haben.

Danke für’s Lesen.
Pfiat di!

Lucas

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